Geh mit mir auf Die Nerven!

von teilnehmenderverweigerer

Tocotronic schreiben – seit dem Weißen Album – nur noch Schnulzen. Jochen Distelmeyer, Thees Uhlmann und Andreas Dorau nur noch Bücher. Auch Jennifer Rostock erregt, wenn wir ehrlich sind, mehr Aufmerksamkeit mit den Statements ihrer Sängerin nach ihrer Brustvergrößerung oder dem Überfall auf dem Technostrich als mit ihren Platten. Ja, Panik? Nein, Danke! Macht überhaupt noch jemand Rockmusik in Deutschland, die man ungeniert genießen kann?
Deutschrap wächst und gedeiht, elektronische Musik fühlt sich hierzulande nach wie vor zuhause. Aber Rockmusik aus Deutschland? Nicht Deutschrock, versteht sich.

Musik, die düstere Gefühle ausdrückt, ohne peinlich zu sein oder sich in politischen Grauzonen zu bewegen? Seit drei Jahren kann man diese Fragen bejahen. Endlich trat eine junge Band aus Stuttgart auf den Plan und der in Selbstzufriedenheit und zugleich in Bedeutungslosigkeit versinkenden Szene in den Arsch. 2014 sorgten sie mit ihrem zweiten Album Fun für Furore. Die Nerven verursachten bei ihren Kritikern ein nervöses Ohrenzucken. Diese schienen sich sichtlich nach einer Band aus Deutschland gesehnt zu haben, die wie die drei Jungs aus Stuttgart klingen. Originell, radikal und kompromisslos. Wahrscheinlich hofften seit der gefeierten Scheibe auch jene Kritiker, die sich nur allzu gern ihrer rhetorischen Fliegenklatsche bedienen, dass diese Band keine Eintagsfliege bleiben sollte. Sie wurden nicht enttäuscht. Melodien, die an gute alte Freunde erinnern, die man nach viel zu langer Zeit unverhofft wiedertrifft. Melodien, die neue Freunde versprechen. Progressive Gitarrensoli, die nicht von der vorherrschenden Hektik infiziert sind, die nach vorne treiben, aber sich nicht hetzen lassen. Zwischen Stille und Lärm oszillierende Klänge. Refrains, die auch denen im Gedächtnis bleiben, die keine andere Wahl haben, als ihm in einer kaputten Gesellschaft irreparable Schäden zuzufügen. Kryptische, kritische und vollkommen unkitschige Texte, die gleichzeitig eine jugendliche Ungeduld herausschreien, die nicht aufgesetzt, sondern genauso glaubwürdig wirkt wie die auch auf ihrem aktuellen Album Out vom ersten bis zum letzten Song sich artikulierende Unversöhnlichkeit mit den Verhältnissen. Die Unversöhnlichkeit mag unter Umständen eine Projektion des Kritikers sein. Zweifel kommen auf, als Die Nerven in einem Interview mit der taz bekunden, dass sie wütend werden, wenn die Butter wieder 20 Cent mehr kostet.
Aber vielleicht meinen sie das auch nicht so kleinbürgerlich, wie es sich anhört. Vielleicht machen sie sich nur über die Frage lustig, was sie wütend macht. Vielleicht macht sie die Frage wütend. Sie geben Rätsel auf, wie die Bands, mit denen sie nicht verglichen werden wollen. Auf den Vergleich mit Sonic YouthBlack Sabbath und dem Punkrock der 80er reagieren sie entsprechend gereizt, nicht geschmeichelt. Der Interviewer wird gebeten, seine Einflüsse preizugeben. Markus Kavka?

Wer gute Musik produziert, wird von der Kulturindustrie natürlich nicht in Ruhe gelassen. Da sie jedoch nur ihr Ding machen wollen, kann ihre Uneindeutigkeit auch als Strategie interpretiert werden, sich nicht so schnell ihr wallendes Blut aussaugen zu lassen. Wenn Tocotronic im Video zu Angst ihren Song in einem Jugendclub performen, könnte das ein Zeichen einer akkreditierten Wachablösung sein. Oder aber auch eine subtile Frechheit. Seht her, hört hin! Der beste Song von Tocotronic der letzten Jahre ist von uns.

Am Donnerstag im Lido werden Die Nerven den Beweis verweigern, dass sie die beste Liveband Deutschlands sind. Es gibt wohl noch Karten an der Abendkasse.

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