HAIYTI – last stop to Hamburg

von Charlie Clean

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Mit ihrem nunmehr zweiten Debütalbum “Montenegro Zero”, das wie einige ihrer bereits gefeierten Mixtapes und EPs wieder einmal von Kitschkrieg produziert wurde, ist Haiyti endgültig zum Liebling des Feuilletons aufgestiegen. Was haben die großen Tageszeitungen (Zeit, Welt, Tagesspiegel) der Rapperin nicht alles angedichtet! Auf der anderen Seite die Unbestechlichen, die dem Hype um ihren “Gangster-Pop” (Haiyti) keinen Glauben schenken und die Hamburgerin für maßlos überschätzt halten. Die 100.000 Hater, die sie bereits kennen. Allein ihr Name. Eine geniale Derrida-Referenz oder nur eine Lese-Rechtschreib-Schwäche? Haiyti polarisiert. Und ist daran auch nicht ganz unschuldig. Studiert Kunst, rappt aber nonstop von Cash. Inszeniert sich mal sexy, mal geradezu asexuell. Während sie in ihrem gleichnamigen Song noch darauf insistiert, niemals ins Berghain hineingelassen werden zu wollen, gibt sie dem Magazin für Berufsjugendliche zu Protokoll, sie würde sich dieses einmalige Erlebnis nur für den perfekten Moment aufsparen.

Doch niemand kann ihr diesen Wankelmut übel nehmen. Schließlich repräsentiert sie den herrschenden Sozialtypus, die Borderliner-Persönlichkeit. Sie ist ambivalent, sensibel und (selbst)destruktiv. Wie alle kaputten Stadtkinder heute, aber mit einem Unterschied: Haiyti verkauft sich nicht als authentisch. Sie schlüpft in ihre Rollen und scheint sich um diese Travestie nicht viele Gedanken zu machen. Sie scheut nicht davor, im inflationären Gebrauch von Anglizismen die Heimatschützer des Sprechgesangs zu ärgern. Neben ihrer Kunstsprache setzt sie zudem auf den für Trap typischen Autotune, den Prediger der reinen Lehre als Verrat am Realrap genauso verächtlich machen wie ihre unverzerrte Stimme, obwohl diese in ihrer enervierenden Unverkennbarkeit auf Individualität zumindest verweist. Dabei schwankt sie vom exzentrischen Ich zum erschöpften Selbst. Und auch die Qualität des Albums wankt wie ein Schiff, das von einem Kapitän auf Codein gesteuert, oder besser: übersteuert wird. Zu starken Songs auf der neuen Platte gesellen sich schwache – normal.

Angesichts des omnipräsenten Beifalls, der dem selbsternannten Serienmodell gespendet wird, ist sie aber vor allem gegen ihre Liebhaber zu verteidigen. Als selbstbewusste Künstlerin in einer Männerdomäne wurde sie schnell zur Projektionsfläche, von der absurden Unterstellung dekonstruktivistischer Intentionen bis hin zu der geheuchelten Begeisterung darüber, dass Deutschrap nun endlich (wieder) von einer talentierten Frau bereichert wird. Sie verrätselt lediglich ihr Alter, ihr gutes Recht. Der Rest ist Dilettantismus, der mit bunt lackierten Fingernägeln an einer Genialität kratzt, die den meisten Artgenossen ihres Genres vollkommen abgeht. Außerdem haut sie einfach raus. Das neiden ihr die Pseudointellektuellen des Feuilletons, die jeden Satz auf den Prüfstein stellen. Zur Strafe wird sie mit Lob nur so überhäuft. So lange die Kleine dadurch noch mehr Kasse macht, dürfte Haiyti das jedoch egal sein. Freitagabend im Astra ist die Gelegenheit, nicht bloß ihre schweißtreibende Liveperformance zu bestaunen, sondern auch die versammelten Feuilletonisten mit dem Kampfhund zu erschrecken, den man in seiner Gucci-Tasche in den Club geschmuggelt hat.

HAIYTI spielt am 16.3. als vorletzten Tourstop im Berliner Astra. Tickets gibt es natuerlich noch via koka36.

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